Versöhnung zwischen Lutheranern und Mennoniten

Zur Erklärung der 11. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes am 22. Juli 2010 in Stuttgart

 

Am 22. Juli 20 I0 haben sich während der 11. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in einem Bußgottesdienst der Lutherische Weltbund (LWB) und die Mennonitische Weltkonferenz versöhnt. Vorausgegangen war ein einstimmig gefasstes Schuldbekenntnis der Vollversammlung des LWB gegenüber den Anabaptisten (Wiedertäufern). Der Präsident des LWB, Bischof Mark S. Hanson (USA), sprach in diesem Zusammenhang von einem "beispiellosen Schritt der Wiedergutmachung".

 

Dieser historische Akt zwischen dem Lutherischen Weltbund und der Mennonitischen Weltkonferenz, in dem die Teilnehmenden der Vollversammlung die Mennoniten um Vergebung gebeten haben, war ein Höhepunkt der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart. Weltweit fand höchste Anerkennung, dass es möglich ist, dass Kirchen einander um Vergebung bitten und sich miteinander versöhnen.

 

Mit Hilfe theologischer Argumente, wie etwa von Martin Luther und Philipp Melanchthon, wurden im 16. JahrhundeI1 Anabaptisten brutal verfolgt und im Einzelfall auch hingerichtet. Eine Internationale lutherisch-mennonitische Studienkommission hat zwischen 2005 und 2008 diese Geschichte aufgearbeitet. Darauf aufbauend bestätigte der Rat des LWB im Oktober 2009 einstimmig die Bitte um Vergebung. Auch wenn weiterhin bedeutende theologische Unterschiede bestünden, könnten diese nun im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Erbe der Verfolgung in einem neuen Klima untersucht werden.

 

-Das Schuldbekenntnis enthält auch eine Selbstverpflichtung, wonach der LWB dafür Sorge tragen will, "die lutherischen Bekenntnisschriften im Licht der gemeinsam beschriebenen Geschichte von Lutheranern und Mennoniten zu interpretieren;

 

-die Untersuchung von bisher ungelösten Fragen zwischen unseren beiden Traditionen im Geist wechselseitiger Offenheit und Lernbereitschaft fortzuführen , vor allem was die Taufe und das Verhältnisvon Christen und Kirche zum Staat betrifft; den gegenwäl1igen Konsens, der in den Erfahrungen unserer Kirchen über Jahrhunderte gewonnen worden ist, zu bekräftigen, dass der Gebrauch der Staatsgewalt zum Ausschließen oder Aufzwingen bestimmter religiöser Überzeugungen zu verwerfen ist;

 

-uns daftir einzusetzen, dass Religions-und Gewissensfreiheit in den politischen Ordnungen und in den Gesellschaften gewahrt und aufrechterhalten werden;

 

-unsere Kirchen und vor allem die Ortsgemeinden anzuspornen, Wege zu suchen, um die Beziehungen zu mennonitischen Gemeinden fortzuführen und zu vertiefen durch gemeinsame Gottesdienste und Bibelstudien, durch gemeinsames humanitäres Engagement und durch gemeinsame Arbeit für den Frieden".

 

Für die Mennonitische Weltkonferenz nahm Präsident Danisa Ndlovu aus Simbabwe das Schuldeingeständnis des LWB an: "Im Vertrauen auf Gott, der durch Jesus die Welt mit sich selbst versöhnt hat, haben Sie nicht nur um Vergebung für vergangenes Handeln gebeten, sondern haben in Ihrer Initiative Integrität bewiesen, indem Sie konkrete Verpflichtungen fUr weiteres Handeln eingegangen sind. Wir sind dankbar für diese Verpflichtungen."

 

Im Gegenzug verpflichte sich die Mennonitische Weltgemeinschaft, "die Interpretationen der lutherisch-anabaptistischen Geschichte, die die von der Internationalen lutherisch-mennonitischen Studienkommission gemeinsam formulierte Darstellung der Geschichte ernst nimmt, zu fördern und dafür zu sorgen, dass Ihre Versöhnungsinitiative in den anabaptistisch-mennonitischen Lehren über Lutheraner bekannt und anerkannt wird; die Gespräche zu ungelösten Fragen, die noch zwischen Ihrer und unserer Tradition stehen, in einem Geist gegenseitiger Verwundbarkeit und Offenheit für das Werk des Heiligen Geistes, mit Ihnen fortzusetzen.

 

Die Mennonitische Weltgemeinschaft will ihre Mitgliedskirchen, deren einzelne Gemeinden und Institutionen ermuntern, im Dienst für die Welt umfassendere Beziehungen und stärkere Zusammenarbeit mit Lutheranern anzustreben.

 

Für alle Teilnehmer waren diese Bitte um Vergebung und der Zuspruch der Vergebung durch den Präsidenten des Mennonitischen Weltkongresses, Bischof Danisa Ndlovu aus Simbabwe, im Namen von weltweit rund einer Million Mennoniten einer der bewegendsten Höhepunkte dieser Vollversammlung. Bischof Danisa Ndlovu hob hervor: "Ungeachtet dessen, was vorher geschehen ist, -wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir sagen, wir haben einander vergeben. Wir sind an einem Punkt, an dem wir uns selbst vergeben haben." Nun stehe die Frage im Zentrum, wie die Zusammenarbeit gestaltet werden könne und auf welche Weise die kirchlichen Institutionen am Neudenken der Geschichte, die bisher gelehrt worden sei, beteiligt werden.

 

In Deutschland hatte die Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands bereits 1989 eine Kommission berufen und ihr den Auftrag erteilt, Gespräche mit der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland (AMG) zu führen. Die Arbeitsergebnisse der Kommission wurden 1993 veröffentlicht:

 

1. Bericht vom Dialog VELKD/Mennoniten 1989 bis 1982 (Texte aus der VELKD 53, 1993, auszugweise abgedruckt in: Amtsblatt der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens 1996, Seite B 65-72, dort auch die "Gemeinsame Erklärung der lutherisch-mennonitischen Gesprächskommission, Seite B 66).

 

2. Material über die Täuferbewegung (Texte aus der VELKD 54, 1993).

 

Bei gemeinsamen Gottesdiensten im März 1996 in Hamburg und Regensburg wurde die "Erklärung der gegenseitigen Einladung zum Abendmahl" abgegeben und miteinander Abendmahl gefeiert (vgl. Amtsblatt, a. a. 0., Seite B 71).

Aufgrund der noch offenen Fragen hinsichtlich der Taufpraxis konnten die Gespräche noch nicht zu einer vollen Kirchengemeinschaft führen. Gleichwohl wurde formuliert: "mennonitische Gemeinden der AMG nehmen lutherische Christen in aller Regel als gültig Getaufte auf und bitten sie, bei ihrem Übertritt ein persönliches Bekenntnis zu Jesus Christus vor der gottesdienstlich versammelten Gemeinde abzulegen. Gemeinden. die Übertretenden eine Bekenntnistaufe empfehlen achten jedoch in jedem Fall die freie Entscheidung der Übertretenden und üben keine Druck in Richtung auf eine Bekenntnistaufe aus [. . .}. Die Lutheraner bitten ... die mennonitischen Gemeinden darauf zu verzichten. Übertretenden die Bekenntnistaufe („ Wiedertaufe ‘‘) zuempfehlen. Sie bitten ferner darum. im seelsorgerlichen Einzelfall mit dazu beizutragen, dass übertrittswillige lutherische Christen ihre als Kind empfangene Taufeals von Gott geschenkte Gabe annehmen können. Die Lutheraner bitten um Verständnis dafür; dass sie diese Bitten um Gottes Handeln in der Taufe willen aussprechen müssen. Die Mennoniten bitten die Lutheraner zu verstehen, dass im seelsorgerlichen Einzelfall der erklärte Wille der Übertretenden zueiner Bekenntnistaufe respektiert wird (a. a. 0., Seile B 7 I )."

 

Die Predigten von den ökumenischen Gottesdiensten am 17. und 14. März 1996 wurden veröffentlicht (in: Texte aus der VELKD 6711996). Das Gesprächsergebnis war auch vom Rat der EKD begrüßt worden.

 

Die Mennonitische Weltkonferenz hatte mit der Katholischen Kirche in den Jahren 1998 bis 2003 einen internationalen Dialog geführt, der zu dem Abschlussbericht führte "Gemeinsam berufen, Friedensstifter zu sein", deutsch veröffentlicht 2006. Er untersucht die Ereignisse der Kirchengeschichte, die Ursache des Konflikts zwischen bei den Seiten waren und von ihnen unterschiedlich interpretiert wurden.

 

Weiterhin wird dargestellt, welches Verständnis Katholiken und Mennoniten heute von Kirche, Taufe und Eucharistie haben, und welche Haltung sie in Fragen einnehmen, die den Frieden betreffen. Abschließend wird versucht, Handlungsmöglichkeiten zu finden, die eine schrittweise Heilung des Gedächtnisses ("healing of memory ") fördern (vgl. www.mennoniten.de/dialog.html).

 

Die Arbeit der Internationalen lutherisch-mennonitischen Studienkommission des Lutherischen Weltbundes (2005 bis 2008) die auch zu dem Versöhnungsritus in Stuttgart führte, ist ausführlich dokumentiert in: Heilung der Erinnerungen -Versöhnung in Christus. Bericht der Internationalen lutherisch-mennonitischen Studienkommission. Genf/Strassburg 20 10 (ISBN 078-2-940459-01-8). Der Berichtsband ist in der Bibliothek des Landeskirchenamtes ausleihbar.

 

Nachfolgend dokumentieren wir die Erklärung.

 

Dokumentation:

Erklärung der 11. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart

Beschlussfassung zum lutherischen Erbe der Verfolgung der "Anabaptisten"

 

Wenn Lutheranerinnen und Lutheraner sich heute mit der Ge­schichte der Beziehungen zwischen Lutheranern und Mennoniten im 16. Jahrhundert und danach beschäftigen, wie sie im Bericht der Internationalen lutherisch-mennonitischen Studienkommissi­on dargestellt wird, empfinden sie tiefes Bedauern und Schmerz über die Verfolgung der Täufer durch lutherische Obrigkeiten lind besonders darüber, dass lutherische Reformatoren diese Verfol­gung theologisch unterstützt haben.

 

Deshalb will der Rat des Lutherischen Weltbunds im Namen der weltweiten lutherischen Familie öffentlich sein tiefes Bedauern und seine Betrübnis darüber zum Ausdruck bringen.

 

Im Vertrauen auf Gott, der in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnte, bitten wir deshalb Gott und unsere mennonitischen Schwestern und Brüder um Vergebung für das Leiden, das un­sere Vorfahren im 16. Jahrhundert den Täufern zugefügt haben, für das Vergessen oder Ignorieren dieser Verfolgung in den fol­genden Jahrhunderten lind für alle unzutreffenden, irreführenden und verletzenden Darstellungen der Täufer und Mennoniten, die lutherische Autoren und Autorinnen bis heute in wissenschaft­licher oder nichtwissenschaftlicher Form verbreitet haben.

 

Wir bitten Gott, dass er unseren Gemeinschaften Heilung der Erinnerungen und Versöhnung schenken möge.

 

Wir verpflichten uns, die lutherischen Bekenntnisschriften im Licht der gemeinsam beschriebenen Geschichte von Lutheranern und Mennoniten zu interpretieren;

 

-dafür Sorge zu tragen, dass diese Entscheidung des Luthe­rischen Weltbundes Einfluss darauf hat, wie die lutherischen Bekenntnisse an den Hochschulen und in anderen Bereichen des kirchlichen Unterrichts gelehrt werden;

 

-die Untersuchung von bisher ungelösten Fragen zwischen un­seren beiden Traditionen im Geist wechselseitiger Offenheit und Lernbereitschaft fortzuführen, vor allem was die Taufe und das Verhältnis von Christen und Kirche zum Staat betrifft;

 

-den gegenwärtigen Konsens, der in den Erfahrungen unserer Kirchen über Jahrhunde11e gewonnen worden ist, zu bekräf­tigen, dass der Gebrauch der Staatsgewalt zum Ausschließen oder Aufzwingen bestimmter religiöser Überzeugungen zu verwerfen ist;

 

-uns dafür einzusetzen, dass Religions-und Gewissensfreiheit in den politischen Ordnungen und in den Gesellschaften ge­wahrt lind aufrechterhalten werden;

 

-unsere Kirchen und vor allem die Ortsgemeinden anzuspornen, Wege zu suchen, um die Beziehungen zu mennonitischen Gemeinden fortzuführen und zu vertiefen durch gemeinsame Gottesdienste und Bibelstudien, durch gemeinsames huma­nitäres Engagement und durch gemeinsame Arbeit für den Frieden.

 

Diese Erklärung hatte der Rat des LWB im Oktober 2009 der im Juli 2010 stattfindenden EI(iel1 LWB Vollversammlung zur Beschlussfassung empfohlen. Sie wurde am 22. Juli 2010 in Stuttgart einstimmig angenommen.


Losung für 21.05.2012

Der HERR, der gütig ist, wolle gnädig sein allen, die ihr Herz darauf richten, Gott zu suchen.